Testosteron macht uns „verständnislos“

Bewußt eine scharf zusammengefasste, provokante Überschrift.
Auch eine Auswirkung des Testo, da das locker flockige Formulieren von witzigen Headlines nicht mehr so funktioniert wie früher.

Aber alles der Reihe nach: Als transidenter Mensch ist die Einnahme und die Wirkungsweise von Hormonen von immenser Bedeutung.

In zwei Studien, unter der Leitung von Dr. Georg Kranz, am AKH Wien, wurde nun die Wirkung einer Hormontherapie untersucht. Ich durfte, als erster Transmann, Teil dieser Studien sein.

Hier findet ihr den ersten Teil dieser, wie ich finde, sehr erstaunlichen Ergebnisse.

Anzahl: 120 Personen (Transfrauen, Transmänner, Kontrollprobanden)

Je mehr Testo im Blut – desto weniger verstehen wir!

Volumetrische Analysen ergaben, dass eine Zunahme an Testosteron im Blut nach vierwöchiger Testosterongabe mit einer Abnahme des Volumens zweier für die Sprachverarbeitung zentraler Hirnregionen (dem Wernicke- und Broca-Areal) verbunden ist. Auch die Verbindung zwischen beiden Regionen wurde durch die Testosterontherapie verändert. Diese Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Wirkung von Testosteron auf die Sprachverarbeitung über den strukturverändernden Einfluss auf die dafür zuständigen Hirnregionen läuft.

Strukturverknüpfungen und Verschaltungen im Gehirn zeigen Basis der Geschlechtsidentität und falsches „Körpergefühl“ bei Trans*Personen

Eine detaillierte Untersuchung der Mikrostruktur der Verbindungen zwischen Hirnregionen zeigte ferner, dass Frauen und Männer Unterschiede in der regionalen Verschaltung zwischen Hirnregionen aufweisen, und dass Transgender-Personen Werte genau zwischen beiden Kontrollgruppen aufwiesen; ein Ergebnis, dass auf eine strukturelle Basis der Geschlechtsidentität hinweist. Mittels Graphentheorie konnten zudem Strukturverknüpfungen beschrieben werden, die möglicherweise das Unwohlsein bzw. das „sich im falschen Körper fühlen“ von Transgender Personen vor Beginn der Hormontherapie widerspiegeln.

nyt_graphicAuszug aus der NYT:

In other words, it seems that Dr. Kranz may have found a neural signature of the transgender experience: a mismatch between one’s gender identity and physical sex. Transgender people have a brain that is structurally different than the brain of a nontransgender male or female — someplace in between men and women.

Hormone beeinflussen Empathie & Impulsivität

Eine Reihe weiterer Analysen zeigte Hormoneffekte auf neuronale Korrelate von Impulsivität, Risikoverhalten, Empathie-empfinden und räumlichem Vorstellungsvermögen. Hier werden noch Daten ausgewertet, ebenso bei den Geruchsmessungen und Temperaturmessungen.

Die veröffentlichten Studienergebnisse sind im Internet zugänglich, allerdings alle auf Englisch, hier eine Auswahl:

TESTOSTERON  spielt eine wichtige Rolle bei Depressionen

Testosteron erhöht einen Baustein im Gehirn (den sogenannten Serotonintransporter), der bei der Depression eine wichtige Rolle spielt. Hier die Publikation dazu:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4585531/

Pressemeldungen dazu:

Ich denke, dass noch weitere, sehr interessante, Ergbenisse veröffentlicht werden.
Für mich als Transmann bestätigt dass meine Wahrnehmungen bei mir selber – vor und nach der Einnahme von Hormonen.

An mir ist mir Folgendes aufgefallen:
+ kein Kreisdenken („Hirnwichsen“) mehr+ keine Schuldgefühle mehr
– weniger empathisch
+ mehr phlegmatisch
– beim Schreiben gelingt das um-die-Ecke-denken nicht mehr
– der Schreibstil hat sich verändert
– originelles Formulieren ist weg
– Kommunikation (schreiben und sprechen) ist „steifer“ geworden
+ mehr Selbstbewusstsein
– schneller auf 1000
+ in mir ruhend
+ mehr Risiko
+ das logische und räumliche Denken unverändert (siehe oben Vernetzung)

Das sind nur ein paar Dinge, die mir über die Jahre aufgefallen sind. Das ließe sich noch endlos fortsetzen. 🙂

Ich freue mich auf die weiteren Ergebnisse der Studien. Vorallem die Geschichte mit den Auswirkungen auf Depressionen!!

Take care!
Euer Sam

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